„Was braucht er von mir?
„Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen:
Wurzeln und Flügel.“
Bert Hellinger
– Eine Aufstellung für eine Mama, die sich Gedanken um ihren Sohn macht.
Ein Thema, das alle Eltern unter uns betrifft. Ein kleiner Blick mit großer Wirkung –
Es begann recht unkonventionell. Zwei Themen hatte sie – so richtig entscheiden konnte sie sich aber nicht. An so einem Abend muss nicht sein, dass jede:r drankommen kann. „Nimm das erste,“ sagte ich. Sie wählte eine Aufstellung und lachte. „Woher wusste ich, welche das erste und welche das zweite war?“ Dann fragte ich sie, ob sie sich aussuchen mag, wer sich auf ihre Matten stellt. „Obwohl ich schon ein paar Jahre hier dabei bin, habe ich mir noch nie bestimmte Stellvertreter ausgesucht. Aber in dem Moment war mir vollkommen klar, ich wähle ihn – den jungen Mann, der heute zum ersten Mal einen Aufstellungsabend besuchte. Womöglich hätte er sich gar nicht zur Verfügung gestellt. Man weiß es nicht. Aber ich habe ihn gefragt und er hat es gemacht. Das war toll!“ Für die andere Stellvertretermatte wählte sie eine gleichaltrige Frau mit blondem Haar.
Weißt Du, was Du für Dich brauchst?
Die Stellvertreterin griff nach der gelben Matte, die sie sich gewünscht hatte und legte sie zielgerichtet ans Ende des länglichen Raumes. Mit Blick in die offene Runde und stellte sie sich darauf. Während sie darauf wartete, dass etwas geschah, beobachtete sie den jungen Mann, seine Bewegungen wirkten etwas unsicher. Mit der weißen Matte in der Hand wanderte er im Raum umher, dann schien es ihm klar zu sein – etwas weiter entfernt legte er seine Matte hin, leicht versetzt zu ihr, nicht exakt gegenüber. Sie warte weiter ab. Sie wisse, dass sie sich nicht von ihrem Platz bewegen werde, sagte die Stellvertreterin. „Aber wenn er sich in meine Richtung kommt, dann freue ich mich.“ Er schaute sie an, überlegte kurz und rückte etwas näher. Er stand ihr nun direkt gegenüber, etwa einen halben Meter entfernt. „Das ist auch gut,“ sagte der junge Mann. Sie mochten sich. Ohne Zweifel.
Nach sehr kurzer Zeit sagte er, „hier ist alles schön und gut, aber ich muss jetzt weg“. Er nahm seine weiße Matte und vergrößerte die Entfernung zu ihr. Diesmal stellte er sich so hin, dass er in eine andere Richtung sah. Sie schaute nun auf seine linke Seite. So sei es richtig, aber er fühle sich etwas verloren, sagte er. „Weißt Du, was Du für Dich brauchst?“, fragte ich den jungen Mann und fuhr fort, „kannst Du mal überlegen, was Dir guttun würde, ohne dass Du es aussprichst?“ Er dachte etwas länger nach. Alles was er unternahm, tat er mit großer Besonnenheit. Sehr bedächtig, immer mit einer kleinen Pause. Er nickte. Für seinen Wunsch wählte er eine blaue Matte aus dem Stapel. ‚Zufällig‘ zog er eine zweite gleich mit heraus, die Farbe Lila. Er würde beide nehmen, meinte er, legte die Matten übereinander, Blau oben, Lila darunter. Beide platzierte er direkt neben der Weißen, auf der er stand. Doch er war noch nicht fertig: Mit dem einen Bein wollte er auf der Weißen stehenbleiben und mit dem anderen Bein auf der Blauen, die die lilafarbene unter sich verdeckte. In aller Ruhe richtete sich der junge Mann auf seinem Platz ein und gestaltete ihn genauso, wie er es brauchte. Wir erinnern uns daran, dass er noch nie an einer Aufstellung teilgenommen hatte. Zufrieden kam er zur Ruhe. Über seine Schulter blickte er zurück zu ihr. „Ich kann gut hinschauen,“ er nickte. „Ich mag sie, sie ist mein Anker. Es ist gut zu wissen, dass sie da ist. Sie ist mein sicherer Hafen. Aber ich brauche unbedingt Raum – eine Freiheit wie auf hoher See.“ Er holte tief Luft. Man sah, wie gut ihm das tat. So richtig verstand die Stellvertreterin das alles nicht. Sie machte sich Sorgen. Doch sie wusste genau: Es ist, wie es ist. Nichts war mehr zu tun. Die Aufstellung war beendet.
„Die liebevolle und gelungene Beziehung
zu unserer Mutter ist wesentlich für ein glückliches,
erfolgreiches und erfülltes Leben.“
Bert Hellinger
Einige von uns im Kreis dachten dasselbe: Wir sahen ein Paar, das sich liebt, aber gerade nicht zusammenkommen kann. Sie: Unbeweglich, verunsichert, traurig. Er: Unsichtbar zum Aussteigen gedrängt, nicht auf Bindung aus. Obwohl er sagte, er fühle sich verloren, wirkte er sicher – in allem, was er tat. Nicht forsch, sondern klar und selbstbewusst. Ausgestattet mit Selbstvertrauen und Besonnenheit. Von ihm gingen keinerlei unüberlegte Übersprungshandlungen aus. Die blonde Frau etwas weiter weg, immer mit Blick. Nach der Aufstellung fragte ich den jungen Mann direkt: „Was war nötig, damit es Dir besser ging? Wofür stand die blaue Matte und lilafarbene darunter?“ „Freiheit, Space,“ sagte er, „einfach Raum, damit ich mich ausbreiten kann, damit ich Luft zum Atmen habe.“ „Und was bedeutet dann Lila darunter?“ „Noch mehr Raum.“ Ich fragte den jungen Mann, ob ihm bewusst sei, wie sicher er in der für ihn unsicheren Situation agiert hätte? Wie stark er sei? Wie intuitiv? Wie offen, ausprobierend? Selbstbewusst? Besonders? „Ja,“ erwiderte er. Er konnte alledem zustimmen und freute sich darüber. Ich fragte ihn, ob er der Meinung sei, dass man ihm vertrauen könne? „Ja,“ sagte er, „man kann mir vertrauen. War ihm zuzutrauen, sich bestmöglich um sich selbst kümmern zu können? „Ja, ich kann mir trauen.“ Er konnte sehen, was für eine gute starke Rolle er innehatte. Alles ist mit allem verbunden. Und so konnte der junge Mann für sich erkennen: Es war seine eigene Rolle. „Ich kann völlig auf das vertrauen, was er aus sich selber heraus weiß und kann.“
„Das hat mich schon ein wenig wachgerüttelt.“
Ich schaute in die Runde und fragte sie, ob sie von ihrer eigenen Aufstellung erzählen mag. Sie nickte. „Mein Sohn kam in die gymnasiale Oberstufe. Ein neuer Lebensabschnitt. Er hatte nie Lust zur Schule zu gehen, daher waren wir oft im Gespräch über Alternativen. Im Endeffekt hatte er sich selbst für das Abitur entschieden. Der Anfang war holprig und so kam es, dass er bereits kurz nach Beginn des ersten Halbjahrs nicht mehr hingehen wollte. Das war nicht neu für mich. Doch seine Schulpflichtjahre waren nun vorbei. Er wirkte verloren auf mich, einfach lost.
Die Frage, die ich in die Aufstellung innerlich eingebracht habe war: Was braucht mein Sohn von mir?“ „Was siehst Du jetzt?“, fragte ich sie. „Meine Erwartungen sind mir deutlich geworden: Dass er sich mir öfter gegenüberstellt. Das geht ja auch mal zwischendurch, aber nicht als permanente Erwartung. Der Stellvertreter meines Sohnes musste sich immer wieder zurückziehen, sein eigenes Ding machen. Das hat mich schon ein wenig wachgerüttelt. Es tat gut zu sehen, dass meine grundsätzliche Haltung, möglichst im Hintergrund und präsent zu bleiben, für mich eine gute ist. Meine Stellvertreterin trat in ihrer Präsenz immer wieder ein Schrittchen zurück. Das hat mir gefallen, das kann ich für mich noch etwas üben. Bei meinem Sohn und seinem Stellvertreter habe ich gesehen, was dies für wunderbare Menschen sind. Ich bin dankbar, dass hier in der Aufstellung sichtbar wurde: Er kann sehr verloren sein – das sehe ich, das spüre ich. Aber er kann es auch zeigen. Das ist doch schon super gut. Und – er kennt seine Bedürfnisse – wie toll! Zwei Matten unter einem Fuß, zwei Füße auf drei Matten – sehr unkonventionell!“ Sie schmunzelte. „Im Grunde muss er es alleine machen. Ich kann mich verlassen und muss mich nicht sorgen. Das habe ich gespürt. Ich kann völlig auf das vertrauen, was er aus sich selber heraus weiß und kann. Und ich kann darauf vertrauen, dass es Anker in seinem Leben, in seinen Fragen und Unsicherheiten gibt. Noch kann ich einer sein für ihn. Er hat immer mal zu mir herübergeschaut. Ich darf lernen, noch mehr loszulassen.“
„Nur wer seinen eigenen Weg geht,
kann von niemandem überholt
werden.“
Marlon Brando
Die blonde Stellvertreterin meldete sich zu Wort. „Als meine Tochter 17 Jahre alt war, ging sie für ein Auslandsjahr nach Australien. Das ist jetzt zehn Jahre her. Inzwischen hat sie 67 Länder bereist und ist nur noch zu Besuch nach Hause gekommen. Ich habe sie unterwegs in der Welt besucht. Kannst Du Dir vorstellen, wie viele Gedanken und Sorgen ich mir gemacht habe? Aber eines weiß ich heute: Alles war und ist richtig und gut. Ihr geht es gut. Und das ist doch die Hauptsache.“
Neun Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft treffen sich einmal im Monat, um in oft unbekannter Runde mit Verdeckter Aufstellung Herausforderungen des Alltags anzuschauen. So auch diesmal im November 2025 in Köln Nippes. Drei Aufstellungen konnten wir an diesem Abend anschauen. Diese hier zeigte eine Eltern-Kind-Situation. Doch bei der verdeckten Aufstellung betrachten wir nicht die konkrete Situation an sich, sondern die dahinterliegenden Dynamiken. Jede:r Teilnehmende spürt die Energie und die Bewegung in diesem Feld, unabhängig von der eignen persönlichen Geschichten. Die Kraft der Methode liegt darin, dass dieselbe Dynamiken universell erfahrbar sind: Jede:r kann daraus für sich selbst Erkenntnisse gewinnen und Lösungen für die eigenen Lebensfragen ableiten. Die Quintessenz einer solchen Aufstellung ist also nicht die Darstellung einer konkreten Beziehung, sondern das gemeinsame Erspüren und Transformieren von Mustern, aus denen jede:r Teilnehmende individuelle Impulse und Klarheit mitnimmt.
„Mancher rennt dem Glück hinterher,
weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist,
ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt.“
Bert Hellinger
– Feedback –
Dankedankedanke, liebe Herzensmenschen!










